Hier könnt ihr das Worksheet zur Folge herunterladen: Worksheet PDF

Attributionen - Wer ist Schuld?

Angenommen, du bekommst ein Lob von deiner Führungskraft. Vielleicht gibt es sogar eine fette Prämie oder du wirst MitarbeiterIn des Monats… Wie erklärst du dir diese Umstände? Zufall? Glück? Kompetenz? Fleiß?

Hallo Ihr Lieben, wie schön, dass ihr auch in der vierten Podcastfolge mit dabei seid und euch weitere Inspirationen zur Gestaltung eures ArbeitsLebens holen möchtet. Unter www.mange-frei.com findet ihr wieder ein Arbeitsblatt zu diesem Thema, ladet es euch gern herunter! Heute wollen wir uns ein wenig näher anschauen, auf welche Arten sich Menschen bestimmte Dinge erklären und wem oder was sie Ursachen zuschreiben. Bei dieser Diskussion kommt man nicht um den Begriff der Attribution bzw. Kausalattribution herum, der im Prinzip eine rein subjektive Ursachenzuschreibung darstellt. Wenn wir jetzt vor allem an Leistungssituationen im Arbeitskontext denken, geht es konkret um Ursachen für den eigenen Erfolg wie in der Eingangsfrage … gleichzeitig auch um den möglichen eigenen Misserfolg. Wir Menschen suchen ganz automatisch in unserem Alltag nach Ursachen für ein bestimmtes Verhalten. Dies muss allerdings nicht zwangsläufig etwas mit dem tatsächlichen Grund zu tun haben, deshalb wird in objektiv und subjektiv unterschieden… Erinnert ihr euch noch an Yvonne , die Altenpflegerin aus der ersten Podcastfolge? Wenn nicht, hört unbedingt mal rein! Wir haben dort über Veränderungsprozesse gesprochen, die im gravierendsten Fall auch einen Jobwechsel bedeuten können, um wieder mehr Arbeitszufriedenheit zu erlangen. Der von uns vorgeschlagene Pfad beinhaltete auch die Analyse und mögliche Lösungen eines Problems bzw. einer problematischen Arbeitsumgebung. Sehr spannend ist daher die Frage, worin Yvonne - oder ihr selbst in eurem Beispiel – die Ursachen eures Problems gesehen hat bzw. habt. Worauf zielt eine mögliche Veränderung eigentlich ab? Aber dazu gleich mehr… Ganz grob gesagt kann man in zwei Attributionsstile unterscheiden: external und internal. Wenn du external attribuierst, suchst du die Ursache für Erfolg (z.B. ein Lob von der Führungskraft) oder Misserfolg (schwierige Arbeitssituation, z.B. aufgrund von Konflikten mit dem/der Vorgesetzten) eher im Außen, also der Situation an sich.

Yvonne würde external attribuieren, wenn sie ihren Frust auf das negative Verhalten ihrer Chefin schiebt, die ungünstigen Rahmenbedingungen wie Arbeitsweg, Schichtdienst, Dienstplan, Vergütung usw. und würde dann natürlich versuchen, an genau diesen Stellschrauben zu drehen, wenn sie Lösungsideen generiert… Also würde sie vielleicht verhandeln, dass sie keine Nachtschicht mehr arbeiten muss oder mehr Gehalt bekommt.

Gleiches würde für einen möglichen Erfolg gelten – „Schuld“ an dem möglichen Entgegenkommen ihrer Chefin ist ihrer Meinung nach nicht ihr Selbstbewusstsein oder Verhandlungsgeschick, sondern glückliche Umstände (womöglich ist die Chefin frisch verliebt und generell gut drauf) oder die empathische Persönlichkeit der Chefin.

Vielleicht spürst du wie ich den bitteren Nachgeschmack, wenn es um eine externale Attribution bei Erfolg geht. An positiven Erlebnissen in meinem Leben habe ich keinen Anteil, sondern nur andere Menschen, glückliche Umstände, der Zufall etc. –> in Bezug auf die Selbstwirksamkeit ist das natürlich nicht sehr hilfreich, wenn man sehr regelmäßig auf diesen Attributionsstil zugreift. Wenn du in deinem ArbeitsLeben auch nicht sonderlich glücklich bist und du dich auf Ursachensuche begibst, wird es sicher einige Punkte geben, die du im Außen erkennst und an denen auch du in Sachen Problemlösung ansetzen könntest. Das kann definitiv ein hilfreicher Ansatz sein, auf die Rahmenbedingungen, die Räumlichkeiten, Arbeitsmittel usw. zu schauen oder auch auf das Verhalten anderer Personen, wie etwa KollegInnen, Vorgesetzte und/oder KundInnen. Womöglich versteckt sich für dich und dein Problem dahinter auch ein BIG DOMINO – wenn du diesen Faktor verbessert, verbessern sich viele andere Punkte auch. Beispielsweise ein klärendes Gespräch mit jemandem aus deinem Team oder eine Optimierung des Arbeitsumfeldes. Ganz plakativ könnte man, wenn wir im ArbeitsLeben als Beispiel bleiben, theoretisch auch den Versuch aufgeben, das Unternehmen inkl. Team, Führungsetage und Aufgabenbereich zu verändern, bis man sich einigermaßen wohl fühlt und stattdessen nach Unternehmen suchen, die von Anfang an zu einem passen oder zumindest mehr Kompromissbereitschaft zeigen, sich auch individuell entfalten zu können. In der Psychologie gibt es dafür verschiedene Einstufungen, Person-Job bzw. Person-Organization-Fit trifft es ganz gut. Wie passend ist denn die aktuelle Tätigkeit oder mein Arbeitgeber inkl. Unternehmensphilosophie eigentlich für mich???  aus einem „Change it“, könnte je nach Erkenntnis auch ein „Leave it“ werden, wenn ein Arbeitgeber- oder Tätigkeitswechsel nach der idealen Lösung für euch ausschaut… Nichtsdestotrotz bewegt ihr euch mit diesen Gedanken und Strategien eher im Außen. Hier solltest du gut abwägen, ob du dir etwas schön redest oder verherrlichst und dich dadurch klein hälst, was dir letztlich und vor allem dauerhaft nicht gut tut, oder ob es sehr hilfreich sein könnte, an weiteren äußeren bzw. inneren Stellschrauben zu drehen… das kann wie gesagt einen Jobwechsel bedeuten, der Erleichterung bringt. Spür in dich rein, inwieweit dich das Ansetzen am Außen entlasten und dir Erleichterung verschaffen kann und dann gilt: Go for it, try it! Wichtig ist an dieser Stelle, dass dir die Limitationen dieses Ansatzes aus zwei Gründen bewusst sind:

  1. Es kann nämlich durchaus sein, dass dich deine internalen „tatsächlichen“ Probleme immer wieder einholen in Beruf oder Partnerschaft. Sollte ein maßgeblicher Faktor vielleicht deine Konfliktscheue sein, die du z.B. aus Selbstschutzgründen noch nicht so präsent vor Augen hattest, kann oder wird sie dir womöglich immer wieder begegnen bis du sie bearbeitet hast, weil Konflikte ein Teil unseres Lebens sind und immer wieder auftauchen werden. Hier macht es durchaus Sinn, lieber/auch daran zu arbeiten, einen anderen Umgang mit Problemen zu finden und nicht wiederholt Partner oder Unternehmen zu wechseln.

  2. Du kannst nur bedingt Einfluss auf Umstände oder andere Personen nehmen. Selbst, wenn sie dein BIG DOMINO zu sein scheinen… Das heißt nicht, dass man es nicht versuchen, darum bitten oder es ansprechen kann, wie Yvonne es damals mit ihrer Chefin auch getan hat! Das ist zum Beispiel auch ein wichtiger Bestandteil der gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg – ich darf andere bitten, mir bei der Erfüllung meiner unbefriedigten Bedürfnisse zu helfen. Allerdings steht es ihnen frei, ob sie dies tatsächlich tun und letztlich bin ich allein dafür verantwortlich, mich nach weiteren Möglichkeiten umzuschauen, wenn sie nicht entgegenkommend sind… Hier sind wir wieder an dem Punkt, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Das ist eine gute Überleitung für die internale Kausalattribution – ich liefere mir nämlich Erklärungen aufgrund meiner Person und meiner Eigenschaften.

Yvonne hätte als mögliches Problem auch herausfinden können, dass sie selbst vielleicht nicht offen und transparent kommuniziert, Konflikte lieber vermeidet und aufgrund ihres geringen Selbstwertes jahrelang nicht in der Lage war, für sich einzustehen. Erst ihr neuer Partner hat ihr dies bewusst gemacht.

Im ersten Moment klingt das natürlich nicht sonderlich prickelnd. Sie soll “Schuld“ an ihrem Unglück sein? Selbstwertfördernd ist das definitiv nicht und dennoch steckt darin sehr viel Potential, weil es der Bereich ist, auf den du selbst am meisten Einfluss nehmen kannst, wenn du etwas verändern möchtest.

Du kannst gern mal in die hineinhorchen und versuchen, dich an schlechte Arbeitstage zu erinnern. Weißt du noch, wie du sie dir erklärt hast? Fluchst du gern mal auf die muffligen Kollegen, das stickige Büro oder die verspätete Bahn oder auf dich selbst, weil du nicht rechtzeitig ins Bett gegangen bist, zu bequem zum regelmäßigen Lüften bist und dich viel zu leicht von der schlechten Laune anderer anstecken lässt?

Wenn du Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten für deine Probleme in dir siehst oder im Außen an deine Grenzen stößt, dann kann es eine tolle Alternative sein, bei dir die Veränderung voran zu treiben. Was du tust und denkst und fühlst, kannst du um einiges besser kontrollieren und beeinflussen als beispielsweise bei deiner Führungskraft oder eines Teammitgliedes. Du könntest dich in Achtsamkeit und Akzeptanz üben, an deinen Glaubenssätzen und deinem Arbeitsmindset arbeiten (dazu wird es auch noch eine Folge geben), deine fachliche/soziale/methodische usw. Kompetenz hinterfragen und auch verbessern und dich autonom deinem Ideal annähern. Dann fühlst du dich womöglich auch nicht mehr wie ein Spielball der anderen, sondern hast es selbst in der Hand. Das kann ein unglaublich befreiendes Gefühl sein und sehr viel Kraft in ausweglosen Situationen geben. Achtung, wir möchten hier nicht die eine oder andere Seite bevorzugen. Es kann abhängig von Person und Situation total unterschiedlich sein. Es geht auch weniger um Schuldzuweisungen, sondern um Ursachensuche und damit auch eine mögliche Problemlösung. Es ist weder unser Ziel, immer nur die anderen zu verteufeln noch, auf sich selbst zu meckern. Vielmehr möchten wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie unser Gehirn funktioniert (es versucht immer, Ursachen/Erklärungen zu finden), euch zu Reflektion anregen und aufzeigen, dass „eure Wahrheit“ nicht die „tatsächliche“ Wahrheit sein muss. Ihr dürft euch eingeladen fühlen, mit euren Gedanken und Attributionen zu spielen und sie zu euren Gunsten zu nutzen. Solltet ihr mal einen Selbstzerfleischungstag haben, dann hilft es euch vielleicht, auch andere Faktoren im Außen mit zur Erklärung hinzuzuziehen. Oder wenn ihr stets nur auf euren Kollegen wettert, dann hilft es euch vielleicht auch mal, zu schauen, was denn euer Anteil daran sein könnte. Gleiches gilt übrigens auch wunderbar für Partnerschaften 😉