Hier könnt ihr das Worksheet zur Folge herunterladen: Worksheet PDF

Hallo ihr Lieben, in der heutigen Podcastfolge möchten wir euch eine Geschichte erzählen. Auch hierzu gibt es übrigens ein Worksheet, was wir euch in den Shownotes verlinken! Vor einigen Jahren wurde mir dieser Text auch vorgetragen und ich fand ihn so einprägsam, dass ich ihn gern mit euch teilen möchte. Im Psychologiemaster war ich Tutorin für Lehramtsstudenten, die bei uns das Modul „Psychologie des Lehrens und Lernens“ belegt hatten. Fokus war also dort der Umgang mit Lernenden, das Verhalten des Lehrenden und die Wissensvermittlung. In der Vorlesung zu dem Modul erzählte die Professorin die für mich sehr bewegende Geschichte von Jorge Bucay aus dem Buch mit dem Titel „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“. Eine der darin enthaltenen Kurzgeschichten heißt „der angekettete Elefant“ und um diese soll es nun gehen. Lehnt euch zurück und lauscht einfach …

»Ich kann nicht«, sagte ich. »Ich kann es einfach nicht.«

»Bist du sicher?« fragte er mich. […] Der Dicke setzte sich im Schneidersitz in einen dieser fürchterlichen blauen Polstersessel in seinem Sprechzimmer. Er lächelte, sah mir in die Augen, senkte die Stimme wie immer, wenn er wollte, dass man ihm aufmerksam zuhörte, und sagte: »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.« Und ohne ein Zeichen meiner Zustimmung abzuwarten, begann er zu erzählen.

„Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten …

Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und das Schlimme dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

So ist es, Demian. Uns allen geht es ein bisschen so wie diesem Zirkuselefanten: wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet. Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, bloß weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und gescheitert sind. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück? Warum macht er sich nicht auf und davon? Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: »Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?« Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben.

Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten. Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.

Wir haben uns genauso verhalten wie der Elefant, und auch in unser Gedächtnis hat sich die Botschaft eingebrannt: Ich kann das nicht, und ich werde es niemals können. Mit dieser Botschaft, der Botschaft, dass wir machtlos sind, sind wir groß geworden, und seitdem haben wir niemals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszureißen. Manchmal, wenn wir die Fußfesseln wieder spüren und mit den Ketten klirren, gerät uns der Pflock in den Blick, und wir denken: Ich kann nicht, und werde es niemals können.«

Jorge machte eine lange Pause. Dann rückte er ein Stück heran, setzte sich mir gegenüber auf den Boden und sprach weiter: »Genau dasselbe hast auch du erlebt, Demian. Dein Leben ist von der Erinnerung an einen Demian geprägt, den es gar nicht mehr gibt und der nicht konnte. Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas kannst oder nicht, ist, es auszuprobieren, und zwar mit vollem Einsatz … …aus ganzem Herzen! «

Irgendwie ist es grad schade, dass das Podcastformat keine wirkliche Interaktion zulässt. Ich würde euch nämlich zu gern fragen, welche Gedanken euch in den Kopf gekommen sind oder an welche Situationen ihr vielleicht denken musstet. Holen wir auf Instagram nach, da müsst ihr uns unbedingt davon berichten! Stattdessen berichte ich einfach mal ein wenig von mir…

Ich sag euch eins, mein Leben war geprägt von dem Gefühl bzw. Gedanken „ich schaffe das nicht“. Ich schaffe als Arbeiterkind nicht die Anforderungen ans Gymnasium, ich schaffe das Abi nicht, ich schaffe den Bachelor nicht, ich schaffe erst recht das Masterstudium nicht und niemals nie hätte ich an eine Promotion gedacht! Von meiner Rolle als Ehefrau und Mama ganz zu schweigen… Irgendwann nach meinem Studium bzw. nach meiner Elternzeit hat es dann KLICK gemacht. Ich konnte mich von dem Gefühl des Mangels und der chronischen Selbstunterschätzung distanzieren, wenn auch noch nicht völlig lösen. Und auch wenn sich in meiner Kindheit einige Pflöcken finden lassen, die mich in meinem Werdegang ausgebremst oder es mir zumindest erschwert haben… Über all die Jahre habe ich trotz allem immer auch ein Fünkchen Glauben an mich selbst bewahrt und auch den Mut und den Trotz, dran zu bleiben. Und jetzt schaut mich an – Schule gerockt mit 1er Abitur, Masterstudium als eine der Jahrgangsbesten mit Auszeichnung beendet, nun Doktorandin und Podcasterin und wer weiß, was noch kommt. Je mehr Chancen man hat, über sich hinaus zu wachsen und es zu rocken, desto größer wird die Selbstwirksamkeit in sich und seine Fähigkeiten und was früher unmöglich schien, steht plötzlich auf der To-Do-Liste für das kommende Jahr…

Meine Frau hat in einer berührenden Rede zu meinem 30. Geburtstag Ollivander, den Zauberstabmacher aus Harry Potter, zitiert (natürlich mit abgewandeltem Namen): „Ich denke, wir haben Großartiges von Ihnen zu erwarten, Mrs. Bielefeldt!.“ Klingt arrogant?

Nunja, mein früheres Ich hätte verlegen gelächelt und es mit einem blöden Witz abgetan. Mein heutiges Ich denkt sich jedoch „Au ja, ihr dürft gespannt sein – ich bin es auch!“. Eigentlich möchte ich euch mit Jorges und meiner Geschichte nur Mut machen. Glaubt an euch, träumt groß und bunt und macht euch Pläne zur Umsetzung! Lasst euch nicht aufhalten und lernt von denen, die da sind, wo ihr hinwollt! Lebt nicht in den Tag hinein, seid kein Spielball anderer, sondern werdet aktiv und gestaltet euer Leben so, wie ihr es möchtet. Arbeitet toxische Glaubenssätze auf und definiert neue! Findet eure Kindheitspflöcke und reißt sie raus! Geht nicht gibt’s nicht!

Allen Harry Potter Fans spendiere ich an dieser Stelle ein wieder auffüllbares Fläschchen Felix Felicis – den Glückstrank, mit dem alles gelingt, was man sich in den nächsten Stunden vornimmt. Mit diesen magischen Worten verabschiede ich mich von euch.

Bis zum nächsten Mal!